Reparatur Philettina B1D92A
#1
Servus,
Obiges Radio bekam ich quasi als Baustelle geschenkt, es war völlig auseinander gebaut, aber zum Glück vollständig bis auf die Rückwand, was sich noch als Manko herausstellte, denn das Chassis im Gehäuse wird in seiner Position durch die Rückwand gehalten. Das Chassis ist lediglich mit einer Schraube am Gehäuse befestigt nämlich beim Lautstärkepoti, aber nicht auf der Trafoseite. Wenn sich das Chassis im Gehäuse auch nur leicht nach hinten verschiebt, fallen die Tasten für den Ton und die Bereichsumschaltung Klick-Klack aus dem Gehäuse. Diese kleine Philettina war ein absolutes Billigprodukt des Global Player Philips. Deshalb hielt die Presspappe Rückwand alles in richtiger Position und dann konnte man auch von unten die Tasten einschieben, die dann einrasteten, wenn die Chassis Position richtig war. Auf solch eine Primitivlösung muss man erstmal kommen! Baujahr des Gerätes ist 1959/60, der Kompakt-Standard UKW Tuner geht bis 100 Mhz. Diesen Mini-Tuner mit ECC85, der mit einer Blechklammer(!!!) im Chassis gehalten wird, baute Philips als Standard Massenware in Versionen 100-108Mhz mit induktiver Abstimmung. Der ist auch leicht nachstimmbar, man kommt von aussen an die Philips typischen Rohrtrimmer heran, die unkaputtbar sind, da sie nicht oxydieren. Natürlich hat diese Plastekiste keine Netztrennung sondern einen Spartrafo eingebaut, da die Röhrenbestückung ECC85, ECH81, EF89, UY85, UABC80 und UL84 sowie 7V 0,3 A Skalenlatüchte ist. Vorweg, ich machte mir mal wieder zuviel Gedanken wegen der heutigen 230V, die hier auch mal 240V kurzzeitig werden können. Der Spartrafo steckt das problemlos weg. Ich wollte zuerst einen Vorwiderstand einbauen, den brauchte es aber nicht und hätte auch nicht funktioniert. Ein Super Spezi im Nachbarforum machte da eine wilde LT-Spice Simulation um mir zu beweisen, das mit einem Rv die Anodenspannung zu niedrig werden würde. Die Simulation war natürlich kompletter Unsinn, das Einzige was zu niedrig wurde, waren die Heizspannungen, die Anodenspannung blieb gleich. Also nix Vorwiderstand. Die Platine war am kleinen Blechchassis abgerissen und wurde mit geklebten Verstärkungen versehen wieder am Chassis verschraubt. Auf der Platine hatte schon mal jemand gelötet, das ist bei diesen Pertinax Platinen immer kritisch, die Leiterbahnen lösen sich sehr schnell auf (was auch hier teilweise der Fall war), da muss man ruckzuck löten sonst gibt es Probleme. Dabei hatte der Vorgänger auch gleich einen falschen Kathodenwiderstand der Endröhre eingelötet und dabei den Keramik Rohrkondensator des Gitters der UL84 beschädigt. Die halten ansonsten ewig und drei Tage, Philips verbaute fast nur Keramikkondensatoren, so auch bei dieser Krücke. Die beiden Papierkondensatoren im Gerät ( ein geschirmter 10nf zum Gitter die UABC) und ein 10nF an der Anode der Endröhre gegen Masse waren natürlich hinüber und wurden getauscht. Die Schirmung des 10nf wude selbst hergestellt, 0,2mm Kupferdraht dicht an dicht über den Kondensator gewickelt und einseitig an Masse gelegt löst wie immer das Problem, dann noch Schrumpfschlauch drüber und fertig. Die Netzteil Elkos waren natürlich hinüber wie auch alle Kleinelkos, mit formieren war da nichts mehr, wenn der Ladeelko anstatt 50uf nur noch einige nf hat, mal nur so als Beispiel. Ich wollte den neu befüllen, doch beim ausbohren habe ich Mist gebaut, das Teil ging kaputt, Künstlerpech. Ist auch eine Spezialausführung mit ebenso spezieller Befestigung. Also ebenso künstlerisch kreativ 2 neue Netzelkos konstruiert, J. Beuys hätte bestimmt seine Freude dran gehabt! Bis auf Einen waren die Widerstände (oh Wunder!) alle werthaltig. Lediglich der 22 Ohm Vorwiderstand an der UY85 hatte einen Kappenfehler und wurde durch 47 Ohm ersetzt, das brachte dann auch die zu hohe Ua durch die 230V Netzspannung wieder einigermassen in den Rahmen zurück. da kommt es auf plus minus 10-15% nicht an. Ansonsten ist das ganze Gerät eine Wunder einfachster technischer Lösungen, der Umschalter MW-UKW ist ein einfacher Schiebeschalter, der nach einer DSS-110 Kur auch wieder einwandfreie und blitzblanke Kontakte hatte. Der Skalenantrieb ist direkt, von wegen Seilzüge/Übersetzungen und dergleichen, den Konstrukteur hätte man auf der Stelle erschossen, ein grosses Abstimmrad  machts doch möglich! Chassis im Gehäuse befestigen? Wer denkt sich denn solch einen Blödsinn aus, es reicht ein einschieben in der Führungsnut, ein Schräubchen beim Poti und ansonsten presst die Rückwand alles fest im Gehäuse. Für die Rückwand spendierte man sogar 2 Befestigungen, natürlich Blechschrauben. Das ganze Gerät ist der Höhepunkt der Buchhalter Rotstift Kunst, billiger gings wohl nimmer. Ich glaube sogar, das das Gerät zu 100% fremd gefertigt wurde. Im Gerät steckte noch eine Tesla UY85, Philips hat da wohl nur den Namen und den Verkauf organisiert. Aber : Die kleine Kiste spielt erstaunlich gut, auf UKW empfindlich und abstimmscharf, der Mini Tuner arbeitet wie immer sehr stabil, da braucht man nichts nachstimmen am Rad. Mittelwelle geht abends am Langdraht auch sehr gut. Natürlich ist DAB+ und Internet Radio sehr mau im Empfang. Big Grin 

   

   

Reparierte Befestigungen der Platine, bei Philips mussten da 2 Schräubchen genügen. Oben rechts der mit der Blechklammer gehaltene Mini Tuner.

   

Getauschte Teile auf dem Chassis.

Weitere Bilder dann demnächst.

Servus,
Weitere Bilder von der Reparatur:

   

Erste Tauschmassnahmen, man beachte die neuen Netzelkos im Schrumpfschlauch, Prädikat: "künstlerisch wertvoll"

   

Alles neu um die Endstufe herum, wo möglich auch gleich Keramik Kondensatoren "Philips like"  für 1 KV eingebaut.

   

Neue Netzteilelkos, die könnte ich für die nächste "Documenta" anmelden. Sind jeweils 2 radiale Elkos 47uf  Kopf an Kopf huckepack drin.

   

Da brüllt es los das kleine Chassis.

Servus,
Weitere Bilder:

   

Umschalter Wellenbereiche mit der "High Tech" Mechanik der Umschaltung, der kleine Hebel rechts im Bild.

   

Eingeschoben in die Nuten des Gehäuses.

   

Der Rest einer alten Papprückwand hält das Chassis im Gehäuse in Position.

   

Frontansicht.

Servus,
Noch ein paar Abschlussfotos:

   

Der kleine Mini Tuner, ca 5x5 cm, aber funktioniert sehr sehr gut.

   

Der hässliche klobige schwarze Schukostecker wurde durch einen eleganten 2-poligen Ital.-Chinastecker ersetzt.

   

Der Kappenwiderstand bei der UY85 hat es hinter sich.

   

Die fehlende Abdeckung ist schon in Arbeit.

   

Die Tasten, die von unten eingeschoben werden müssen, das Antiklapper Gummi der Platine, die Feder, die das Abstimmrad zentriert im Gehäuse und das Blech der Lautsprecherbefestigung. Der Lautsprecher ist mit einer Schraube befestigt (sic!!!).
Gruss, Volker

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#2
Hallo Volker,

(25.06.2019, 16:42)radio-volker schrieb: Lediglich der 22 Ohm Vorwiderstand an der UY85 hatte einen Kappenfehler und wurde durch 47 Ohm ersetzt, das brachte dann auch die zu hohe Ua durch die 230V Netzspannung wieder einigermassen in den Rahmen zurück.

genau dieser Widerstand ist auch der Grund dafür, warum eine "fremde" UY drin steckt, die wurde nämlich schon mal getauscht. Mit nur 22Ω Schutzwiderstand wird die UY doch recht hart hergenommen, 47Ω passt da schon viel besser, muss aber die doppelte Leistung vertragen können. Auch wieder so ein Kostenoptimierungskompromiss.

Grüsse,
Hartl
Da streiten sich die Leut' herum
oft um den Wert des Glücks;
der Eine heißt den Andern dumm,
am End' weiß keiner nix.
Hobellied von Ferdinand Raimund (aus "Der Verschwender")
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#3
Hallo Volker,

sehr schön, aber, ein Königreich für ein paar Textabsätze!

(25.06.2019, 16:42)radio-volker schrieb: [...]  der Umschalter MW-UKW ist ein einfacher Schiebeschalter, der nach einer DSS-110 Kur auch wieder einwandfreie und blitzblanke Kontakte hatte. [...]

An dem AM/FM-Umschalter ist bei dieser Kiste doch noch ein Seilzug, der in Stellung AM einen FM-Bandfilter kurzschließt, direkt in dessen Nähe. Müsste Kontakt a-b sein, im Schaltplan. Funktioniert das auch noch, falls nicht, merkt man einen Unterschied?

Wer war der LTSpice-Spezi, in welchem Forum?
Gruss, Eric

Avatar † 24.07.2018 17:15 RIP, mein Freund!
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#4
Servus,
Ja, der Seilzug und der Kontakt funktionieren einwandfrei.
Der Vorwiderstand vor der UY hat jetzt 7W/47 Ohm.

Der LT-Spice Spezi war im RBF Forum und nennt sich "oldeurope", steht inzwischen auf meiner Ignorierliste dort, weil der unheimlich nervig ist und grundsätzlich alles besser weiss.

Ja Hartl, ich habe da vor meiner kleinen Bastel Platte gesessen und mir vorgestellt wie da das technische Büro und das kommerzielle Büro für dieses Radio einen Kompromiss ausgehandelt haben. Und trotzdem kostete das Gerät damals stolze 138,- DM. Das war auch in der West BZ damals viel Geld für so eine kleine Kiste trotz Witschaftswunder. Schätze mal, das die Kosten für das Radio bis es im Schaufenster stand, nicht grösser als 70,- DM waren, Philips hat immer gut verdient (bis heute).
Gruss, Volker

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#5
Ach, schau an, sag bloß Darius ist wieder aktiv im Netz ... hat damals ziemlich geniale Normenwandler für TV gebaut, Semir will die jetzt mit FPGA bauen.
Edit, nachgeguckt: Jau, Solingen, ist Darius, schwierig wie immer.

Hauptsache, das Radio läuft wieder und tut was es soll.
Gruss, Eric

Avatar † 24.07.2018 17:15 RIP, mein Freund!
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#6
Servus,
Die kleine Quäke wurde sofort von der Frau beschlagnahmt und steht jetzt im Bücherregal ihres Arbeitszimmers.
(Schnüff!).
Der ist mit mehreren Namen im Netz unterwegs, aber unter allen Namen gleich nervig.
Gruss, Volker

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#7
Vielleicht unter seinem Rufzeichen DD3ET, aber, wer so etwas baut hat schon ordentlich Ahnung.

Bezüglich Diskrepanz zischen Verkaufspreis und Produktionskosten ... vergleiche das mal bei einem Iphone ... da kann Philips nur von träumen.
Gruss, Eric

Avatar † 24.07.2018 17:15 RIP, mein Freund!
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#8
Servus,
Aus der Eierphone Sache hält sich der Konzern direkt geflissentlich heraus, möchte aber nicht wissen, wieviel er am Frittenbrater auf dem Atom U-Boot verdient.
Dieser Typ mag zwar Ahnung haben, ist aber nicht in der Lage diese zu vermitteln.
Gruss, Volker

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